Mittwoch, 31. Dezember 2014

VIII. Jensen als Leser Ibsens

Die Ibsen-Rezeption setzte in Deutschland erst 1869 mit der Übersetzung von „Brand“ ein.1 Frau Inger auf Oestrut, zuerst 1877 ins Deutsche übersetzt, wurde Ende 1878 in Berlin uraufgeführt. Woher sollte Jensen das Ibsen-Stück als Vorlage oder Ideenansatz kennen gelernt haben? Die beiden Wege der Autoren kreuzten sich nicht, obwohl sich Ibsen ab 1864 auf dem Kontinent lange in Italien und Deutschland aufhielt.2 „Fru Inger til Östrot“ erschien fast drei Jahre nach der Uraufführung von Mai bis August in fünf Teilen (= fünf Akten) 1857 im Feuilleton des „Illustrered Nyhedsblad“ in Christiania (damaliger Name Oslos). Es folgte eine Sonderausgabe im selben Jahr von 250 Exemplaren. Alle Rechte hatte Ibsen der genannten Zeitung überlassen, so dass er das Stück 1874 umarbeitete und mit 4000 Exemplaren verlegen konnte. Unsere obigen Angaben in VII. beziehen sich auf die zweite Ausgabe.
Jensen selber gibt indirekt eine mögliche Querverbindung durch eigene Lektüre an, wobei man wissen muss, dass Henrik Ibsen wie alle Norweger damals „bokmǻl“ schrieb, d.h. die dänische Schriftsprache, die Jensen beherrschte und pflegte. In „Das Asylrecht“ (1888) schildert er den Literaturzirkel einer Residenz und Hauptstadt:

Annähernd dem der Musik gewidmeten Zeitaufwand kam indes derjenige gleich, welcher den belletristischen Erzeugnissen der Literatur vergönnt ward. Die Kenntnis der neuesten französischen und englischen, auch russischen, dänischen und italienischen Romane unterlag keiner Anzweiflung, und aus dem durchgehenden Zutreffen dieser Voraussetzung ergab sich die Möglichkeit und der Genuß allseitigen tiefsten ästehetischen Eindringens in die Gesetze, die Technik, den kulturhistorischen Wert und die dichterischen Schönheiten der natürlich in ihren Originalsprachen gelesenen epochemachenden Werke.“ (1886, S. 10)
1 Vgl. David George: Henrik Ibsen in Deutschland. Rezeption und Revision. Göttingen 1968, S. 62 ff. sowie aktuell Nasjonalbiblioteket. www. Ibsen.nb.no

2Ibsen kehrte nach einem Stipendium für Rom 1864 erst 1891 ins ungeliebte Norwegen zurück. Er hielt sich 1864-68 und 78-85 in Rom auf, zwischendurch in Dresden 1868-75 sowie in München 1875-78 und 85-91, wo er Kontakte zum Literatenkreis um Paul Heyse hatte. In den Briefen lassen sich keine Verbindungen finden, vgl. Henrik Ibsen. Samlede Verker. Sekstende Bind. Brev 1844-1871. Oslo: Gyldendal 1940.

VII. Dramatische Verjüngung


Unsere Hervorhebungen bezeichnen motivisch auffällige Parallelen zwischen Ibsens Theaterstück und Jensens Roman „Karin von Schweden“ besonders in dessen erstem Teil. Das Schloss Torpa ist bei Jensen Zentrum des Widerstandes gegen den Dänenkönig Christian II. Hierher flüchtet sich Karins Retter (vor deren Absturz in die Tiefen des Trollhättan-Falles), der verfemte Gustav Erichsson, Parallelgestalt zu Sten Sture. Hier suchen ihn die verfolgenden Dänen, und Karins Verlobter Gustav Rosen, ebenfalls Däne, verhindert eine Festnahme. Nils Lykke und Eline entsprechen den Verlobten, während Inger als nächste Generation der Rolle der Mutter Karins und Erzpatriotin Brita nachempfunden ist. Wichtiger noch als die funktionale Entsprechung der Figuren Ibsens ist Jensens Kunstgriff, die auserkorene Inger in Karin um eine Generation zurück zu versetzen und den ganzen nordischen Freiheitskampf zum erfolgreichen schwedischen zu machen. So viele Parallelen können auch bei umfassenden historischen Kenntnissen kein Zufall sein.

VI. Parallelen

Henrik Ibsen hatte den Stoff sehr frei 1854 zu einem Schauspiel in fünf Aufzügen verarbeitet. Aus Vergleichsgründen werfen wir einen Blick auf das Szenarium des 1. und II. Aktes:1
Gespenstischer Rittersaal des Schlosses Oestrot bei schwachem Mondlicht während einer stürmischen Nacht. Bauern dringen zu Frau Inger vor und bitten um Waffen, um am Aufstand in Darlekarlien gegen Gustav Wasa teil zu nehmen und dabei Norwegen auch von der Fremdherrschaft der Dänen zu befreien. Sie rät davon ab, weil Friedrich von Dänemark seinem Freund Wasa beistehen würde. Ihre Tochter Eline erinnert vergebenlich daran, dass die anscheinend zögernde Inger die Hoffnung des Landes verkörpere und alle auf ihr Zeichen hofften. Inger erwartet in eben dieser Nacht einen dänischen Unterhändler als unerkannt zu bleibenden Gast. Die Bauen sind misstrauisch und die feindlichen Schweden in Schlossnähe. Zwar möchte sie den Freiraum vor der noch nicht erfolgten Königswahl Friedrichs für die Rechte und Einheit Norwegen nutzen, will und kann nicht selber mehr sich an die Spitze stellen – auch um der vielen Opfer willen und nicht zuletzt wegen ihres Alters.
Doch zunächst taucht der verfemte Norweger Olaf Skaktavl auf und versucht, von ihr das Zeichen zum Aufstand zu erhalten. Er erinnert sie an ihre erste Begegnung vor rund fünfunddreißig Jahren, als sie als fünfzehnjährige die Auserkorene war, das Land vom Sklavenjoch zu befreien und dies auch mit allen beschworen hatte.
Olaf wird versteckt, als der dänische Reichsrat Nils Lykke erscheint - er hatte ihre verstorbene Tochter Lucia entehrt und heiratete dennoch später unbeeinträchtigt von der auf Rache sinnenden Inger die Tochter Eline - , und sich sofort der Fluchtmöglichkeiten versichert: „Man spricht zwar von unterirdischen Gängen; aber niemand kennt sie außer Frau Inger und vielleicht Jungfer Eline.“ (S. 68) Er vermutet den Sohn Sten Stures auf dem Schloss und will Inger mit politischen Zusagen überlisten, um Sture aus dem Versteck zu locken (vgl. S. 91ff.). Inger ist des echten Stures Mutter, was nur sie bisher weiß. Die Dänen versprechen sich in Sture einen Rivalen Wasas für ihre Zwecke. Allerdings existieren zwei Nils Sture, ein legitimer und der schwedische Betrüger, die hier bei Ibsen identisch sind. In derselben Nacht taucht Nils auf und gibt sich Nils Lykke zu erkennen. Die Schweden erstürmen das Schloss, woraufhin Inger ihren Sohn töten lässt und darob den Verstand verliert.

1Vgl. Henrik Ibsens: Sämtliche Werke in deutscher Sprache II.(E. Klingenfeld: Die Herrin von Oetrot).Berlin: Fischer 1898, S. 34-61. Sie ist bei Ibsen die Mutter von Nils Sture (hier Nils Stensson), dem Sohn des Reichverwesers Sten Sture, gibt sich aber als solche nicht zu erkennen.   

V. Ibsen als Quelle

Der Stoff für „Karin von Schweden“ scheint aus den politischen Zeitumständen der Entstehung der Novelle um 1866 aktualisiert. Die Idee hingegen, die Hintergrunds-Geschichte Gustav Wasas aufzugreifen und dabei König und Königin eine Generation zurück zu versetzen, stammt aus einer anderen Quelle. H.Landsberg wies im Vorwort einer späteren Auflage von „Westwardhome“ darauf hin, dass es von Interesse sei, „Karin von Schweden“ mit Henrik Ibsens historischem Frühwerk „Frau Inger auf Östrot“ zu vergleichen.1

Ibsen gestaltete hier in seinem Frühwerk eine Episode aus dem Kampf Norwegens um Selbstbehauptung gegenüber Dänemark - zeitlich nach der Krönung Gustav Wasas I., 1523 gelegen, als dieser seine Krone gegenüber Aufständischen behaupten musste und dabei auch Norwegen bedrohte. Nach der Absetzung Christians II. hatte der dänische Adel im Dezember 1523 Friedrich I. von Holstein die Krone übertragen.2 Das norwegische Lehnswesen hätte daraufhin ebenso wie der neue König vom Reichsrat bestätigt werden müssen, was zu einem innernorwegischen Machtkampf führte und sich eigentlich bis zu dem Versuch Christians II. 1531/32 hinzog, als er mit Unterstützung der Niederlande und seines Schwagers Karl V. vergeblich versuchte, über Norwegen, das ihn kurzzeitig wieder als König anerkannte, in seine alten Rechte über die drei Länder einzutreten. Erst 1532 wurde er von Friedrich mit Unterstützung Lübecks und Wasas geschlagen und für den Rest seines Lebens festgesetzt. Das Legalitätsproblem der Nachfolge hatte noch einen Seitenaspekt: ein angeblicher Sohn des letzten schwedischen Regenten, Sten Sture, tauchte in Norwegen auf und brachte Gustav Wasa in zusätzliche Schwierigkeiten.3 In diese Affäre verstrickt war Inger Ottersdatter zu Austråt bei Trondheim aus altem norwegischen Adel, die ihre Interessen nicht nur durch eine geschickte Verheiratung ihrer sechs Töchter mit dänischen Reichsräten zu wahren versuchte, sondern heimlich auch für einen Aufstand für Norwegens Selbständigkeit warb.
1Vgl. ders. In: Wilhelm Jensen: Westwardhome. Leipzig: Max Hesse nach 1906, S. 5 f. , wo es um romantische Sentimentalitäten geht, die bei Jensen eher überwunden werden.
2Vgl. Aschehougs Norges Historie. Bind 5, S. 15f-27.

3Vgl. Geijer 1834, S. 58 f.. 68 f.: Dieser war ein Bauernknecht aus Westmanland, den die Dalarner Mittelschwedens unterstützten und der Erzbischof von Trondheim. Er umgab sich in Norwegen mit einem Hofstaat, wurde dort als Betrüger entlarvt und später in Rostock hingerichtet.   

IV. Die Geschichte Gustav Wasas?

Im Falle von „Karin von Schweden“ verrät Jensen durch direkte Zitate im Kapitel VII, dass er sich der „Geschichte Schwedens“ von Erik Gustav Geijer bediente, erschienen bei Perthes 1834 in Hamburg („Geschichte der europäischen Staaten“. Bd. II in der Übersetzung von Swen P. Leffler.) Hier sind Gustav Wasa drei Kapitel mit 150 Seiten Länge gewidmet. Der Primat der Phantasie stellt im obigen Zitat das Prinzip des Historischen in Frage bzw. reduziert es auf ein exemplarisches Moment, das für den Leser das Interesse verlieren könnte, sollte es zu undeutlich, zu allgemein oder nur metaphorisch sein.1 Diese Grenze überschreitet Jensen in „Karin von Schweden“ nicht, ordnet jedoch historische Fakten zu Gunsten einer gesteigerten Gesamtwirkung um. Schon in „Die Juden von Cölln“ führt er im Vordergrund Personen ein als Sympathieträger, die in den Strudel des politischen Gewaltgeschehens geraten, es in seiner Entstehung demaskieren und die Gefahr überleben: es sind junge Liebespaare.
Die maximalen Gewaltausbrüche – Dr. Jensen, dem Spezialisten des Nibelungenliedes mit seinem Schlussgemetzel wohl vertraut – wiederholen sich leitmotivisch: der Pogrom wird in der Geschichte des schwedischen Befreiungskrieges von dänischer Tyrannei mit dem Massaker des „Stockholmer Blutbades“ vom November 1520 fortgeführt. Christian II von Dänemark hatte seinen Rechtsanspruch auf die schwedische Krone militärisch durchgesetzt und versöhnlich den schwedischen Adel zur Krönung ins Stockholmer Schloss geladen. Nach einer Verurteilung als Ketzer ließ er dort über hundert Personen hinrichten und verfolgte die dem Fest Ferngebliebenen wie Gustav Eriksson, der den schwedischen Widerstand organisierte und als Gustav Wasa 1523 schwedischer König wurde. Dieser heiratete später in dritter Ehe Katharina Stenbock (1537-1621) im Alter von 17 Jahren. Sie war verlobt mit Gustav Johannsson Roos, der die Verlobung lösen musste und mit Katharinas Schwester verheiratet wurde. Wasas Sohn Erick verlieh ihm später den Grafentitel (s.o. 1834: S. 155). Soweit grob die historischen Fakten.
Hier kommt bei der Frauenfigur Jensens kreative Phantasie zum tragen: er lässt die Verlobten das Stockholmer Blutbad und den Aufstand gegen Dänemark miterleben, d.h.Katharina, das historische Vorbild, wird um eine Generation verjüngt und Karin Stenbock genannt. Sie wird unter diesem Namen zu einer eigenständigen Romanerfindung ebenso wie Gustav Rosen, der Verlobte, der jetzt interessanterweise dänischen Ursprungs ist. Beide wachsen im Schloss Torpa der Stenbocks in Westschweden auf und sind seit Kindesalter füreinander bestimmt.
Wilhelm Jensens chronologischer Eingriff, dem auch Gustav Wasa unterliegt, bringt für das Romangeschehen zweierlei: der nationale Konflikt der beiden Länder wird in nuce auf der Ebene der persönlichen Beziehung ausgetragen. Gustav Rosen entscheidet sich bei dem - von Jensen ersonnenen - Mordanschlag gegen Christian II auf Torpa, wo die Hochzeit stattfinden soll, für seinen König und verrät die Verschwörung Karins, die durch ihre Flucht zur schwedischen Patriotin werden kann an der Seite von Gustav Erichsson, dem späteren Gustav Wasa I. Die Tragödie Schwedens wird theatralisch reduziert und gegenüber der Historie auf ein Kalenderjahr (statt deren drei) mit seinen Jahreszeiten fokussiert. Die Ablösung Karins von der Gestalt Katharinas gibt dem Autor die Freiheit für eine Psychologisierung nach eigenen Vorstellungen. Das knüpft durchaus an eine Tradition literarischer Bearbeitung an, die selten hinterfragt wurde. Goethes Egmont z.B. ist im Trauerspiel bei der Exekution deutlich jünger als das historische Vorbild. Dadurch verringert sich die Distanz zu der von Goethe erfundenen Geliebten Clärchen und die Tragödie gewinnt an Dramatik wie an Anteilnahme, je jünger die geopferten Protagonisten sind. Romeo und Julia wären nicht als altes Paar denkbar,
Neben einer so gewonnenen Einheit der Handlung und Charaktere erdichtet Jensen auch die des Ortes entgegen der geographischen Beschaffenheit. Zwischen dem Schloss Torpa und den großen Wasserfällen des Trollhättan existiert im Roman ein geheimer Fluchtgang. In der Realität liegen zwischen beiden Orten mehr als hundert Kilometer..
Der Trollhättan wird explizit als landschaftlicher Protagonist zum Befreiungsdrama herangezogen. In den Zitaten Jensens sahen wir oben, dass er die Tiefe des Meeres mit dem eigentlichen Verstehen von Geschichte vergleicht. Die gewaltigen, urzeitlichen Fälle von Trollhättan eröffnen und beschließen in fast notwendiger Weise eindrucksvoll in poetisch stilisierter Sprache seinen Roman.
Der Befreiungskampf der Schweden von der dänischen Tyrannis ist für den Leser von „Karin von Schweden“ des Erscheinungsjahres 1872 nicht nur eine geschichtliche Revolte der Renaissance. Die beiden deutschsprachigen Herzogtümer Schleswig und Holstein gehörten seit 1460 zu Dänemark und litten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert unter dem Druck des zunehmenden dänischen Nationalismus. Es kam zu einer blutigen Erhebung 1849/50, die anfangs von Preußen unterstützt wurde, dann aber zusammenbrach. 1864 griffen Preußen und Österreich Dänemark direkt an, besiegten es und teilten die Landesteile als Schutzmächte auf. Nach dem gewonnenen Krieg gegen Österreich annektierte Preußen die beiden Provinzen einschließlich des nördlichen Südtondern.
Wenn Jensens Arbeit an „Karin von Schweden“ wirklich schon 1866 in Stuttgart begann, dann spiegelte sich Zeitgeschichte im schwedischen Freiheitskampf des 16. Jahrhunderts. Die Unterdrücker waren wiederum die Dänen. Aber die Parallele sollten nicht darüber hinweg sehen lassen, dass es den Schleswig-Holsteinern nicht gelang, ihre Unabhängigkeit durchzusetzen.
Inwieweit der deutsch-französische Krieg 1870/71, den Jensen nur lyrisch kommentierte, vom damaligen Leser auf „Karin von Schweden“ bezogen wurde, bleibt fraglich. Karin war zwar als jugendliche, entschlossene Patriotin einer Jeanne d'Arc vergleichbar. Aber jenseits des Rheines ging es nicht um die Befreiung Frankreichs, im Gegenteil, die deutsche Reichsgründung fand auf okkupiertem Territorium statt, wiewohl in beiden siegreichen Fällen sich 1523 wie 1871 neue Monarchien und neue Reiche am Ende der Feindseligkeiten konstituierten.

1Vgl. F. Schätzing: Vorwort zu W. Jensen: Die Juden von Cölln. Köln 2008, S. 8.

III. Zyklen der Barbarei

Wilhelm Raabes Entwicklungsroman „Der Hungerpastor“ (1863/64) stellt die Vita zweier benachbarter Knaben dar, deren einer, der arme verwaiste Schusterjunge und späterer Hungerpastor Hans Unwirrsch ist, der andere Moses Freudenstein, Jude, begütert, begabt und sodann mondäner Lebemann. Die Freundschaft schlägt von Seiten Unwirrschs in Hass um. Diese antagonistische Parallelbiographie hat strukturell einen vielleicht nicht so intendierten Antisemitismus generiert. Sie wird zum Anlass für Wilhelm Jensen, 1865 die Geschichte des Kölner Pogroms von 1348 mit einer eindeutig gegenteiligen Tendenz zu verfassen, die er in der Neuauflage von 1869 mit einem Vorwort versieht:
Es ist ein Buch, das man im Herbst lesen muss, um es zu verstehen. Und wenn man es recht verstehen will, muss man als Kommentar die Geschichte dazu lesen. Und wenn man es in seiner Tiefe begreifen will, da muss man es am Meeresstrand lesen, wo die Wellen kommen und sich überstürzen, eine nach der anderen, und auf den Sand hinaufrauschen und wieder zurückrollen ins ewige Wogen des Meeres.
Die Bücher aber, die ich als Kommentar las, waren der Zeit angemessen, denn sie enthielten die Krankheitserscheinungen dessen, was wir die Weltgeschichte, die Lehrerin der Gegenwart nennen.
..
Das Mittelalter mit seinem schwarzen Tod, seinen Ausgestoßenen, seiner blinden , rechtlosen Willkür ist vorüber und seine rohe Barbarei vom Thron gestürzt. Doch die feine ist geblieben und wendet sich unausgesetzt gegen ihre alten Opfer.“ (2008: S. 212 f.)
In seinem zweiten Vorwort zur Auflage von 1897 resümiert Jensen seine zwischenzeitlich enttäuschende Erfahrung mit seinem Philosemitismus:
Mich trieb die tiefe Empörung eines frischempfänglichen Gemüts über die Barbarei vergangener Zeiten, stürmischer Widerwille gegen die Heuchelei, die unter dem Banner der Religion tausendfach Schmach und Schande auf den deutschen Namen gehäuft hatte. Die Juden waren für mich ein geschichtlicher Begriff, noch keine meinem eigenen Leben entgegentretende Wirklichkeit. Meine Erzählung trug das Eigentliche der Dichtung in sich, sie war ein Gebilde der Phantasie, und aus dieser allein wurde sie geschaffen am historischen Beispiel.“ (2008: S. 207)

In diesen beiden Passagen ist die ganze historische Ars poetica Jensens enthalten, die auch für „Karin von Schweden“ und lange darüber hinaus galt: der Autor stellte sich dem historischen Stoff mit einem Engagement, das die barbarischen gesellschaftlichen Entgleisungen schilderte, um sie verstehen und vielleicht überwinden zu können. Grundlage ist nach diesen Angaben ein vorbereitendes Quellenstudium.
Die methodische Komplementarität von Historie und Phantasie kommentiert Jensen 1885 im einleitenden Kapitel von „Aus den Tagen der Hansa“:
Es ist ein bedenkliches Unterfangen, ein Bild aus der Mitte des 14. Jahrhunderts vor Augen stellen zu wollen.“ (S.7) Nach einer Schilderung der sozialen antagonistischen Dynamik von aufblühenden Städten in den wirtschaftlichen Zusammenhängen des Ostseeraumes als einer völlig neuen Welt definiert er seine schriftstellerischen Aufgabe:
Der Maler, der ein Bild der deutschen Verhältnisse um die Mitte des 14. Jahrhunderts entrollen will, darf es nur mit wenigen großen Strichen darstellen; eine Zeichnung der zahllosen, unablässig sich verschiebenden Einzelheiten, selbst der bedeutendsten, würde das Ganze verworren-unkenntlich vor dem Blick zerwogen lassen.“ (S. 11)
Allein dieses selektive Konzept führte, je näher historischen Epochen waren, offenbar zu Gewichtungen wie in „ Deutschland in Not“ (1909). In der Geschichte der „Schwarzen Schar“ im erfolgreichen Widerstand gegen Napoleon unter dem Herzog von Braunschweig liest sich dieser „geschichtliche Roman“ kapitelweise wie ein Handbuch mit sekundärer Binnenerzählung. Jensen geht konzeptuell nicht schematisch vor, sondern zuweilen auch strukturell in völlig überraschender Meisterschaft wie 1888 in „Das Asylrecht“:
Ein Verfasser liest in einem Salon einer mitteldeutschen Residenz seine Novelle aus dem 15. Jahrhundert vor, in der ein Ritter sich in eine Stadt flüchtet und um Asyl bittet. Aber dieses Thema taucht am Ende auch in der Rahmenerzählung auf, als die Tochter vor der hundertköpfigen Versammlung ihren Vater, den adligen Landgerichtspräsidenten, um die Erlaubnis bittet, den bürgerlichen Autor, der noch Referendar ist und, so der Vater, „nichts kann als Verse machen“, zu heiraten. Auf die kategorische Ablehnung und Zurechtweisung erwiderte „mit unwandelbarem Gleichmut Gerta [von] Meseritz:
Das tut mir leid, lieber Vater; so muss ich Herrn von Slawendorf [Freund des Autors] um Asylrecht für die Liebe bitten..“ (S. 467) Woraufhin sie mit dem Verlobten davonfährt. Der Freund zum Autor: „Deine ideale Welt ist doch eine gewaltige Siegerin, .. Die zurückgebliebene reale Welt stand noch ohne Sprache..“ (469)
Wie authentisch lassen sich bei reduzierten historischen Fakten die Charaktere gestalten? Sind sie als dominante Phantasieprodukte mehr als Projektionen der Erzählzeit? Der Leser kehrt nach dem Ausflug in die Vergangenheit in seine Gegenwart zurück und ordnet jene ein: da erscheinen Spiegelungen, Parallelen oder zeitlose Situationen. Auch wenn Jensen wie in dem großen Roman der Französischen Revolution, „Nirwana“ (1877), die Kritik an der repressiven Institution Kirche in einem möglichen historischen Zusammenhang gestaltet, sah man darin einen provokativen aktuellen Beitrag zum damaligen Kulturkampf – und das sicherlich zu Recht.

Fassen wir vor einem Blick auf Karin von Schweden noch einmal zusammen: Jensen vereinfacht programmatisch den geschichtliche Rahmen und lässt ihn in den Personen dramatischer Abläufe lebendig werden. Sie werden dadurch – übernehmen wir ruhig einen Ausdruck Hippolyte Taines -determiniert. Seine detaillierten Naturschilderungen sprechen Phantasie und Erfahrung des Lesers an und stabilisieren die historische Perspektive. Dabei ist eines noch wichtiger: die Sprache, in der erzählt wird, ist durch die Jahrhunderte bei Jensen gleich, ein komlexes, periodisch differenziertes Mittel, beide polaren Bereiche zu vereinen. 

II. Schwerpunkte

Das historisch-literarische Panorama Wilhelm Jensens kann kurz nach Ort und Zeit umrissen werden, um zunächst das frühe Erfolgswerk „Karin von Schweden“ darin zu situieren, das als erster von drei Novellen-Bänden, „Nordlicht“, 1872 erschien. Diese Strukturierung stützt sich in einem ersten Schitt auf biographische Grundlagen.
Jensen wurde 1837 im damals noch dänischen Holstein geboren, wo er in Kiel und Lübeck aufwuchs, zunächst Medizin in Kiel und Würzburg studierte, dann Literatur und Philosophie in Jena sowie Breslau und seine Studien 1860 als Doktor phil. mit einer Dissertation über das Nibelungenlied abschloss. 1863 folgte er einer Einladung Geibels nach München. 1864 lernte er am Chiemsee die Wienerin Marie Brühl kennen, zog zu ihr nach Wien, wo er den deutsch-dänischen Krieg aus der Ferne erlebte. Nach ihrer Hochzeit 1865 übersiedelte er für vier Jahre nach Stuttgart, wo er literarisch im Umkreis von Raabe zu schreiben begann, laut Erdmann (S.71) auch schon an „Karin von Schweden“. Die politischen Ereignisse 1866, d.h. der Krieg zwischen Österreich und Preußen, ließ ihn an Raabes Seite engagiert für die letzteren und eine kleindeutsche Lösung Partei ergreifen, während er 1848 nur fernen Hass gegen die Befürworter einer völligen Eingliederung der Herzogtümer Schleswig und Holstein in Dänemark gehegt hatte. Als die „Schwäbische Volkszeitung“ 1867 gegründet wurde, trug man ihm die Leitung der Redaktion an. 1869 übernahm er dann für drei Jahre die „Flensburger Norddeutsche Zeitung“ und wurde in dieser Funktion zum bestgehassten Mann bei fanatischen Dänen. Ab 1872 lebte er wieder in Kiel und wechselte aus gesundheitlichen Gründen, inzwischen Berufsschriftsteller, 1876 nach Freiburg. Ab 1888 waren sein Lebenszentrum München und im Sommer besonders der Chiemsee.

Auf der Polarität zwischen norddeutscher Landschaft - Nord- und Ostseeränder eingeschlossen - der des Schwarzwaldes und des Chiemsees beruhen viele Novellen und Romane, die ihren geographischen Kontext im Titel tragen und sich gewissermaßen historisch bis in die Tage der Hansezeit, der Hohenstaufer oder gar der Hunnen öffnen:
1878 „Aus Lübecks alten Tagen“, 1885 „Aus den Tagen der Hansa“, 1890 „Diana Abnoba. Eine Schwarzwaldgeschichte von der Baar“, 1892 Hunnenblut. Eine Begebenheit aus dem alten Chiemgau“, 1895 „Chiemgau-Novellen“, 1900 „Durch den Schwarzwald“, 1904 „Vor drei Menschenaltern. Ein Roman aus dem holsteinischen Land“, 1906 „Unter der Tarnkappe. Ein schleswig-holsteinischer Roman aus den Jahren 1848-50“ usw.
Dank der Aufenthalte und Reisen bis nach Island und den Shetland-Inseln werden die Nord- und Ostsee zu unerschöpfliche Imaginationsquellen mit vertieften Detailkenntnissen und Natureindrücken besonders der Inseln von Norderney bis Fanö („Runensteine“, „Nordsee und Hochland“, „Vor der Elbmündung“, „Aus See und Sand“) und des Küstenraums zwischen Kiel und Flensburg („Flut und Ebbe“, „Luv und Lee“). Hierbei steht besonders nach dem Eindruck der verheerenden Sturmflut vom November 1872 die Ostsee in ihrer Gewalt der der Nordsee nicht nach.
Dieser literarische Raum greift manchmal, durch Ferienreisen motiviert, weiter aus: Italien („Alt-florentinische Tage“ 1893, „Gradiva“ 1903 z.B.), das Elsass („Der Pfeifer von Dusenbach“ 1884) natürlich mit politisch patriotisch Aspekten verbunden: 1871 „Lieder eines Soldaten aus Frankreich“ - diese sind allerdings am Schreibtisch entstanden und zunächst anonym erschienen. Jensen war Patriot, aber niemals Soldat. Am Tag nach der Kapitulation Frankreichs 1871 traf er in Paris mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Victor Hugo zusammen, wie er am 5.3.71 an Raabe schrieb, über den und die deutsche Literatur sich beide unterhielten.1 1877 entsteht der religionphilosophische Revolutionsroman „Nirwana, Drei Bücher aus der Geschichte Frankreichs“, 1898/99 „Vom Schreibtisch und aus dem Atelier: aus meinen Kriegsjahren“, „Deutschland in Not. Geschichtlicher Roman aus dem Jahre 1809“. Seine Auseinandersetzung mit Frankreich schließt mit „Une soirée im ancien régime“ („Aus dem 18.Jahrhundert“, 1900) auch die vorrevolutionäre Epoche mit ein.
Kaum ein deutscher Autor des 19.Jahrhunderts widmete sich so umfassend und vielseitig dem französischen Nachbarn und der Napoleonischen Herrschaft in Deutschland (vgl. auch die Widerstandromane 1888 „Runensteine“ und 1909 „Deutschland in Not“).
Wilhelm Jensen war nicht nur ein vorzüglicher Kenner der französischen Geschichte, Sprache und Kultur, sondern beherrschte neben den alten Sprachen und Englisch - so Erdmann S. 39 - das Dänische seiner norddeutschen Nachbarn „völlig“, worauf wir noch zurück kommen müssen.
Einige, meist frühe Romane weisen in andere Kontinente: „Westwardhome, 1866 „Deutsches Land zu beiden Seiten des Oceans“ 1867, „Unter heißerer Sonne“ 1869 sowie später „Brandenburg'scher Pavillon hoch! Eine Geschichte aus Kurbrandenburgs Kolonialzeit“ 1902 nach Afrika. Hier kommt von Seiten der Thematik ein früher Exotismus ins Spiel bzw. das Phantastische wie in der Cornwall-Novelle „Eddystone“ 1872.
Zeitgeschichtliches wird von Wilhelm Jensen nicht ignoriert, gehört jedoch nicht direkt zur Domäne seiner Novellen und Romane mit der paradoxen Ausnahme von 1874 „Nach hundert Jahren. Roman aus neuester Zeit“. Für diese benutzte Jensen, der politische Journalist, die von ihm redigierte Presse besonders in Flensburg und privatissime mitfühlend die situative Lyrik. Ganz selten griff er mit einem direkten Essay in Aktuelles ein wie z.B. in die Debatte um die Vivisektion als kompetenter Mediziner gegen den Tierschützer Richard Wagner. Die großen kriegerischen Ereignisse des Jahrhunderts wie die Eroberungen Napoléons und die beiden Dänenkriege tauchen als Romansujets mehrfach auf – aber mit einem deutlichen historischen Abstand in der Bearbeitung.
Topographie und Chronologie sind indessen nur zwei Rahmenaspekte seines Werkes, dessen Handlungsträger in ihren sozialen Konflikten den Schwerpunkt bilden. Mit den Frühwerken „Die Juden von Cölln“ und den Novellen aus „Nordlicht“ einschließlich „Karin von Schweden“ zeichnen sich die Grundlagen seines weiteren Schaffens ab, d.h vor allem der narrative Umgang Jensens mit seiner historischen Vorlage.
Viele spätere Texte sind, das sei abschließend bemerkt, traditionell wie Karin von Schweden nach ihrer prägenden Hauptperson benannt: „1872 „Posthuma“, 1874 Nymphäa“, 1877 „Berthenia“ oder 1893 „Astaroth. Menta. Zwei Novellen aus dem deutschen Mittelalter“.

1 Vgl. Briefwechsel 132 f. - Jensen kündigt ein nie geschriebenes Buch „Ausdruck meiner Eindrücke in Paris unter dem Druck preußischer Bedrückung“ an. - Seine Haltung im 70ger-Krieg ist sehr viel diffenrenzierter als in neuen franzöischen Novellen-Einleitungen konstatiert wird. Auch wenn Jensen von der Welle eines Hurrah-Patriotismus fortgerissen scheint, ist sein Ansatz ein didaktischer, Er greift die populären anti-französischen Slogans zunächst auf und behandelt den Sieg episch-historisch parallel zum Untergang Roms, ehe er alles in zwölf formstrenge Sonette thematisch mit dem Kampf ums Dasein einmünden lässt. Dabei greift er abschließend versöhnend auf das revolutionäre französische Prinzip der „fraternité“ als Basis für den Staat zurück: „In ihm gestalte keinem sich zur Bürde/ Das Leben, beuge nie Gewalt das Recht/ Ob Herrscherwillkür, ob der rohen Hürde/ Entfesselte Begier. Nicht Herr und Knecht -/ Empor gedieh'n zu freier Menschenwürde/ Sei es ein einzig brüderlich Geschlecht!“(XI).